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Amandine Soulard wechselte im Sommer zum Servette FCCF, um die Abwehr zu verstärken. Sie zählt auf eine Erfahrung von 153 Spielen in der französischen D1 und freut sich darüber, die Qualifikation für die Champions League anzupeilen, welche in Frankreich für sie unerreichbar blieb.


Du wuchst in Saint-Pierre-en-Faucigny (74) auf, wann begannst du mit dem Fussballspielen?

Im Verein begann ich mit 9, allerdings spielte ich bereits auf dem Pausenplatz. Meine Freunde sagten mir «komm mit uns spielen » im kleinen Verein von Saint-Pierre und ich folgte deren Rat. Am Anfang sagte meine Mutter, Fussball sei für die Jungen, allerdings sah sie schnell ein, dass es mein Ding war. Davor turnte ich während zwei Jahren, aber ich konnte mich nicht genug austoben.

Warst du das einzige Mädchen in der Mannschaft?

Am Anfang waren wir zu zweit. Danach riefen wir mit unseren Schulkameradinnen eine Mädchenmannschaft ins Leben und allmählich kamen auch andere Mädchen dazu.

Bist du also eine Pionierin ? Hast du den Frauenfussball in einer Stadt lanciert?

Es gab bereits eine Frauenmannschaft, aber keine Mädchenmannschaft. In der Haute-Savoie gab es nicht viele Mädchenmannschaften in dieser Alterskategorie, deswegen spielten wir gegen die Jungen. Als ich 13 war, kam es vor, dass ich am Samstag mit den Frauen in der Meisterschaft gegen Erwachsene und am Sonntag mit meinen Freundinnen gegen die Jungen spielte.

Dachtest du zu dieser Zeit, dass der Fussball einen so wichtigen Platz in deinem Leben einnehmen würde?

Es war nur ein Hobby, ich wollte mich mit meinen Freundinnen austoben, ich hätte nie gedacht, dass ich es so weit schaffen würde. Mit 13 sah ich es allmählich anders. Zu dieser Zeit durfte man mit diesem Alter ein paar Spiele bei den Erwachsenen bestreiten. Manchmal spielte ich am Samstag mit den Erwachsenen und am Sonntag mit meiner Mannschaft. Einige Spielerinnen der Frauenmannschaft sprachen von der Sportschule in Lyon, die ich nicht kannte. Ich spielte in der Haute-Savoie-Auswahl und mit ca. 15 wurde ich von Lyon entdeckt und ich habe mir gedacht: «Warum nicht?»

Wahrscheinlich musstest du einiges aufopfern. Aber es war für deine Karriere notwendig, nicht wahr?

Nein, eigentlich bin ich nur so, einfach für den Fussball, dahingegangen. Am Anfang war es nur schwierig, dass ich von einem Dorf in eine grosse Stadt wie Lyon kam, aber alles lief super. Wir durften nicht so oft ausgehen, ausser wenn wir zum Sportplatz gingen. Wir hatten eine strenge Struktur: bis 16 Uhr waren wir in der Schule, danach hatten wir Training, wir kamen dann ins Internat zurück, Dusche, Abendessen in der Gymnasiumkantine, eine obligatorische Lernstunde, und das wars.

Das Niveau im Nachwuchs vom OL muss beeindruckend sein. Konntest du mithalten?

Eigentlich kannst du dich mit der Sportschule nur weiterentwickeln. Dann hatten wir eine Supertrainerin, Cécile Locatelli, wir konnten nur besser werden. Am Anfang spielst du mit Nationalspielerinnen, auch im Nachwuchs, das ist beeindruckend, dann denkst du dir «auch ich möchte gern Nationalspielerin sein» und du tust alles dafür. Ich spielte vor allem mit der zweiten Mannschaft in der D3, in der ersten Mannschaft in der D1 kam ich lediglich zwei oder drei Mal zum Einsatz.

Mit 19 verlässt du OL für Saint-Étienne…

Als ich unterschrieb, war es vorgesehen, dass sie von der D2 in die D1 aufsteigen würden, allerdings versäumten sie es in den Barrage-Spielen, so spielte ich eine Saison in der D2 und danach stiegen wir auf.

2005 hast du dein erstes Spiel in der D1 gemacht, 2018 dein letztes. Hast du eine Entwicklung gesehen?

Ja, das Niveau wird von Jahr zu Jahr besser. Die Jugendlichen kommen nach. Die Nachwuchsstützpunkte bilden Spielerinnen aus, so dass sich das Leistungsniveau entwickelt.

Du hast in zwei Vereinen, dem RC Saint-Étienne und dem FC Lyon, gespielt, die sich später einem männlichen Profiverein angeschlossen haben. Welche Unterschiede siehst du zwischen einem unabhängigen Frauenverein und einer Frauenabteilung in einem Grossklub?

Es gibt mehr Sichtbarkeit, wenn du in einem Verein spielst, der in der männlichen Ligue 1 existiert. Du hast das ganze Material und die gesamte Infrastruktur, welche die Männer haben, und generell hast du in einem Profiverein mehr Mittel zur Verfügung. Oftmals gibt es eine professionelle Abteilung mit den Männern und eine Amateurabteilung mit dem Nachwuchs und den Frauen.

Wenn du von deinen neun Jahren in Saint-Étienne nur eine Sache erwähnen müsstest…

Wir haben la Coupe de France 2011, den französischen Pokal, gewonnen, 2013 spielten wir dann erneut im Finale gegen Lyon. 2011 spielte ich alle Pokalspiele ausser dem Endspiel, weil ich mir nach einem Zusammenstoss im Meisterschaftsspiel gegen Lyon das Schlüsselbein brach. Ich war sehr enttäuscht, ich sass auf der Bank, aber es war trotzdem schön. Es ist DIE beste Erinnerung meiner Karriere, zusammen mit dem Aufstieg in die D1 im ersten Jahr. Letztes Jahr bin ich mit Marseille auch aufgestiegen, aber es war nicht vergleichbar.

Warum?

Erstens, weil es nicht das erste Mal war, deswegen war es weniger ergreifend. Dann hatte ich ein anstrengendes Jahr, weil ich mein Diplom zum Sporttrainer absolviert habe. Am Vormittag trainierte ich, am Nachmittag hatte ich Schule und am Abend gab es den praktischen Teil. Es waren also sehr lange Tage.

Hast du in Marseille einen anderen Kontext als in der Region Mitte-Ost Frankreichs vorgefunden?

Schlichtweg ja. Rein nur das Klima, in Marseille ist man privilegiert. Dann trägt man einen Vereinswappen, der eine grosse Wichtigkeit hat. Man spürt dementsprechend den Druck der Fans. Es gibt immer Kritiken, die positiv oder negativ sein können, aber sie sind immer stärker als woanders. Dort habe ich gelernt, die Social Media nicht zu beachten.

Was hast dich überzeugt, zum Servette FC zu wechseln?

Hier kann ich im Ausland spielen und trotzdem in der Nähe von meinen Liebsten sein. Und es gibt das Ziel «Champions League». In Frankreich, wenn du nicht bei Lyon oder PSG spielst, ist es kompliziert… Hier, wer weiss…

Wie fühlst du dich physisch und sportlich ?

Physisch, gut, die Vorbereitung lief gut. Ich habe das Gefühl, dass sich das Team von Tag zu Tag weiterentwickelt. Wir haben immer mehr Automatismen, es läuft immer besser.

Was hältst du vom Schweizer Fussball, den du neu entdeckst ?

Ich habe vom YB-Spiel das Gefühl bekommen, dass die Schweizer Meisterschaft viel auf die Physis setzt. Gegen Lugano gab es meines Erachtens weniger physische Impakte, vielleicht weil wir im Vergleich zum YB-Spiel entschlossener agierten. Ich denke auch, dass Lugano mehr auf ein schnelles Spiel als auf Zweikämpfe setzte.

Wie ist die Stimmung in der Kabine?

Sehr gut, wir lachen viel. Es gibt eine gute Gruppe mit einer guten Mischung aus Jugendlichen und erfahrenen Spielerinnen. Es funktioniert gut.

Was hälst du vom Lugano-Spiel (6-1) fest?

Im Gegensatz zum YB-Spiel haben wir gespielt und wir waren entschlossener in den Zweikämpfen. Wir haben Geduld gezeigt und nach der 60. Minute haben wir uns klar durchgesetzt. Das zweite Tor hat uns befreit und sie haben aufgegeben.

Wer ist die beste Spielerin, gegen die du gespielt hast ?

Marozsán [Dzsenifer Marozsán, deutsche Nationalspielerin vom Olympique Lyonnais, 3. des Ballon d’Or 2018, vierfache Siegerin der Champions League und Olympiasiegerin], das ist klar! Für mich ist sie die beste Spielerin aller Zeiten. Sogar Ada Hegerberg [Olympique Lyonnais, Norwegen, Ballon d’Or 2018], ist nicht so eine komplette Spielerin wie Marozsán.

Hast du einen Spitznamen in der Kabine ?

Ja, Mous’. Den habe ich seit Lyon, als mich mein Trainer « Moustique » [Mücke] nannte, dies wegen meiner imponierenden Statur [lacht].

Wie kam dieser bis nach Genf ?

Jedesmal, wenn ich den Verein wechsle, treffe ich auf Mitspielerinnen, die ich bereits kenne. Hier gibt es Léonie [Fleury] und Marie [Duclos]

Wieviele Tattoos hast du ?

8, glaube ich.

Haben sie alle eine Bedeutung ?

Ja, alle! Sehr oft in Zusammenhang mit meiner Familie. Ich habe eine Friseurschere, weil meine Mutter Friseurin ist. Ich habe auch Berge tätowieren lassen, meine Schwester hat es auch, es repräsentiert uns. Ich habe ein Flugzeug, weil ich viel reise, und weil mein Vater bei AirFrance arbeitete. Ich habe die Nummer 24, weil es normalerweise meine Nummer ist…[lacht] ich hatte schon immer diese Nummer, aber diese Saison muss ich wechseln [die 24 hat Maeva Muino, deswegen wählte sie die 28]. 

Amandine Soulard

24.03.1987 (32 Jahre)

2019- Servette

2016-2019 Olympique de Marseille

2015-2016 Dijon

2006-2015 Saint-Étienne

 -2006 Lyon

Palmarès

Französischer D2-Meister 2006-2007 mit RC Saint-Étienne

Französischer Pokal 2010-2011 mit der AS Saint-Étienne (Finalist 2013)

Französischer D2-Meister 2018-2019 mit Olympique de Marseille